Dienstag, 13. Januar 2026

Die Schlinge des Freundes

Mein Sohn, hast du für einen anderen Bürgschaft übernommen? Hast du dich durch Handschlag verpflichtet, für seine Schulden aufzukommen? 2 Sind deine eigenen Worte dir zur Schlinge geworden? Bist du durch deine Versprechungen in eine Falle geraten? … Gönne dir keine Ruhe, gönne deinen Augen keinen Schlaf. Sprüche 6:1-2,4

Diegos Händedruck war fest, sein Lächeln ansteckend.

“Júlio, du bist nicht nur ein Freund, du bist ein Bruder. Du rettest meinen Traum!”, sagte er von der anderen Seite des polierten Schreibtisches des Bankmanagers.

Júlio spürte einen Anflug von Unbehagen, eine kleine Sirene, die irgendwo in seinem Hinterkopf ertönte. Aber er ignorierte sie. Wie konnte er “Nein” sagen? Diego war sein Jugendfreund, der Patenonkel seiner Tochter. Und das Geschäft schien so vielversprechend: ein Gourmet-Café in einem angesagten Viertel. Júlio, ein Beamter mit einem stabilen Leben und gut angelegten Ersparnissen, schien der perfekte Bürge zu sein.

“Das ist nur eine Formalität, Mann. Die Bank verlangt es”, hatte Diego gesagt. Und Júlio, umgarnt von den Worten eines Freundes, unterschrieb den Vertrag.

In den ersten Monaten schien alles gut zu laufen. Diego postete Fotos vom überfüllten Café, von Kaffeetassen mit kunstvoll verzierten Mustern, von Fünf-Sterne-Bewertungen. Júlio fühlte sich stolz, ein Teil dieses Erfolgs zu sein.

Der erste Anruf kam an einem Dienstagnachmittag. Es war die Bank. Eine höfliche, aber feste Stimme teilte ihm mit, dass Diegos Kreditrate überfällig sei.

“Nur damit Sie als Bürge im Bilde sind.”

Júlio rief Diego an, der lachte.

“Ach, Mann, entspann dich. Das war nur ein Cashflow-Problem. Ich kümmere mich schon darum.”

Aber der Anruf wiederholte sich im nächsten Monat. Und im Übernächsten. Die Stimme am Telefon war nicht mehr so höflich. Diegos Traum wurde langsam zu Júlios Albtraum.

Er begann, den Schlaf zu verlieren. Jedes Mal, wenn sein Telefon klingelte, raste sein Herz. Er sah sich gefangen in einer Schlinge, die er selbst geknüpft hatte. Er war das Tier, das aus Naivität seinen Kopf in die Falle des Jägers gesteckt hatte.

Die Situation erreichte ihren Höhepunkt, als ein offizieller Brief eintraf: ein Zwangsvollstreckungsbescheid. Die Bank wollte sich an Júlios Vermögen halten. Panik verschlang ihn. Seine Wohnung, die Zukunft seiner Familie, alles, was er mit so viel Bedacht aufgebaut hatte, war wegen einer einzigen Unterschrift in Gefahr.

Er ging zum Café. Der Laden war fast leer. Diego, einst lebhaft und selbstbewusst, wirkte niedergeschlagen und ausweichend.

“Júlio, ich schwöre, ich finde eine Lösung!”, versprach er, aber seine Worte klangen hohl.

In dieser Nacht schlief Júlio nicht. Er ging in seinem Wohnzimmer auf und ab. Er konnte nicht länger warten, bis Diego es löste. Er musste handeln.

Am nächsten Morgen ging er gedemütigt zum Bankmanager.

“Wie ist meine Situation? Was muss ich tun, um hier wieder rauszukommen?”

Der Manager war direkt. Die Schuld war hoch. Der einzige Weg, sich aus der Schlinge zu befreien, war, sie zu bezahlen.

Júlio durchlebte die härteste Woche seines Lebens. Er musste den Großteil seiner Ersparnisse abheben, das Geld, das er für das Studium seiner Tochter zurückgelegt hatte. Er verkaufte sein Auto. Er bat einen Cousin um einen kleinen Kredit. Er demütigte sich, flehte, kämpfte gegen die Zeit.

Am Ende beglich er mit einem Bankscheck in der Hand Diegos Schuld. Das Gefühl war nicht Erleichterung, sondern eine tiefe, bittere Erschöpfung.

Er traf Diego vor der Bank. Er reichte ihm den Tilgungsbeleg.

“Ich habe bezahlt”, sagte Júlio, seine Stimme ohne jede Emotion. “Ich bin frei. Und du auch.”

Tränen liefen über Diegos Gesicht.

“Es tut mir so leid, Júlio. Ich werde es dir zurückzahlen, ich schwöre…”

“Nein, Diego”, unterbrach ihn Júlio, nicht mit Wut, sondern mit einer kalten Traurigkeit. “Wirst du nicht. Denn unsere Freundschaft hat das nicht überlebt.”

Júlio drehte sich um und ging. Er hatte einen Freund und einen großen Teil seiner Ersparnisse verloren. Aber als er nach Hause ging, spürte er etwas, das er seit Monaten nicht mehr gefühlt hatte. Eine Leichtigkeit. In dieser Nacht, zum ersten Mal seit langer Zeit, legte er seinen Kopf aufs Kissen und schlief. Ein tiefer, traumloser Schlaf. Er war entkommen. Die Beute, verletzt und weiser, war endlich frei aus der Hand des Jägers.

(Hergestellt mit KI)

Diese Geschichte ist Teil meines Buches Tägliche Weisheit

https://books2read.com/u/baOxyv

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